Wie lassen sich thermische Sanierung, Fassadenbegrünung, neue Freiräume und erneuerbare Energie im dicht bebauten Wiener Bestand miteinander verbinden – und vor allem: Wie können solche Vorhaben fair und langfristig finanziert werden? Diese Fragen standen im Zentrum der Veranstaltung am 26. August. Am Beispiel des F&E Forschungsprojekts (gefördert von FFG und BMIMI) der Wohnungseigentümergemeinschaft „Meidlinger L“ in der Rosaliagasse wurde deutlich: Die technischen Lösungen sind längst vorhanden. Für die Umsetzung braucht es nun gerechte Finanzierungsmodelle, rechtliche Klarheit, verlässliche Förderungen und ein gutes Zusammenspiel aller Beteiligten.
Ein Projekt mit Vorbildwirkung

In den ersten beiden Vorträgen von RENOWAVE.AT Alice Benussi und Susanne Formanek wurde das Sanierungs- und Begrünungsprojekt „Meidlinger L“ vorgestellt. Die Gebäude in der Rosaliagasse 5 und 7 stammen aus dem Jahr 1870 und liegen in einem besonders hitzebelasteten Teil Meidlings. Das Projekt zeigt, wie bestehende Gründerzeitgebäude zukunftsfit gemacht werden können: durch thermische Sanierung, ein innovatives vorgefertigtes Stahltragwerk für individuell gestaltbare Balkone, Photovoltaik auf Dach und Balkonen sowie ein durchdachtes Konzept für Fassadenbegrünung und Bewässerung.
Die erwarteten Wirkungen sind beachtlich: Der Heizwärmebedarf soll um rund 75 Prozent sinken, die Energieklasse von E auf B verbessert werden. Gleichzeitig soll die Begrünung im Sommer spürbar zur Entlastung beitragen. Simulationen zeigen, dass sich die Fassadenoberflächentemperatur um bis zu 15 Grad reduzieren könnte. Die Photovoltaikanlage soll außerdem rund 2.500 kWh Strom pro Jahr erzeugen.
So entsteht mehr als eine Sanierung: Das Projekt verbindet Energieeffizienz, Hitzeschutz, erneuerbare Energie, Aufenthaltsqualität, zusätzliche Freiräume und Regenwassermanagement zu einem gemeinsamen Ganzen. Gerade als Vorhaben einer Wohnungseigentümergemeinschaft ist „Meidlinger L“ ein wichtiger Praxistest dafür, wie die ökologische Aufwertung von Bestandsgebäuden gemeinschaftlich organisiert und umgesetzt werden kann.
„Meidlinger L“ hat klaren Modellcharakter. Die Erfahrungen aus Planung, Genehmigung, Finanzierung und Umsetzung sollen dazu beitragen, vergleichbare Projekte künftig schneller auf den Weg zu bringen. Gerade in Wien, wo zahlreiche Bestandsgebäude direkt an der Baulinie stehen, braucht es Lösungen, die den Übergang zwischen privatem Gebäude und öffentlichem Raum neu denken und rechtlich wie organisatorisch gut absichern.
Finanzierung braucht Fairness
Ein weiterer Schwerpunkt der Veranstaltung lag auf den wirtschaftlichen, rechtlichen und organisatorischen Voraussetzungen solcher Projekte. Schnell wurde klar: Die Kosten bestehen nicht nur aus der einmaligen baulichen Investition. Auch Bewässerung, Wartung, Rückschnitt, Versicherung und die langfristige Pflege der Begrünung müssen von Anfang an mitgedacht und finanziell abgesichert werden.
Besonders herausfordernd ist dabei die Frage der gerechten Kostenverteilung. Gemeinschaftliche Elemente wie Tragwerk, Begrünung und Bewässerung stehen individuell nutzbaren Bauteilen wie privaten Balkonen gegenüber. Unterschiedliche Wohnungsgrößen, Nutzungsformen, Mietverhältnisse, vorhandene Rücklagen und individuelle Vorteile machen eine einfache Aufteilung kaum möglich. Die Diskussion zeigte: Technisch überzeugende Lösungen werden nur dann breite Zustimmung finden, wenn Finanzierung und Kostenaufteilung transparent, sozial verträglich und rechtlich klar geregelt sind.

Auch die Bankenfinanzierung wurde intensiv diskutiert. Wohnungseigentümergemeinschaften können grundsätzlich Kredite aufnehmen, in der Praxis erschweren jedoch geringe Rücklagen, hohe Anforderungen an Sicherheiten und die solidarische Haftung bei möglichen Zahlungsausfällen die Finanzierung. Nachhaltige Finanzierungen bringen derzeit oft noch keinen ausreichend hohen Zinsvorteil, während regulatorische Anforderungen und Risikopuffer die Kreditkosten erhöhen können. Umso wichtiger sind langfristige, gut abgesicherte und auf die Eigentümerstruktur abgestimmte Finanzierungsmodelle.
Daten, die Wirkung sichtbar machen
Ein Beitrag zu ESG- und Gebäudedaten machten deutlich, dass belastbare Kennzahlen künftig noch stärker über Finanzierungs- und Versicherungsentscheidungen mitentscheiden werden. Energieeinsparungen, Lebenszykluskosten, Kreislaufwirtschaft, Klimarisiken und Resilienz werden zunehmend zu relevanten Informationen für Banken, Versicherungen und die Immobilienwirtschaft. Gefragt sind dabei nicht möglichst viele Daten, sondern wenige, gut nachvollziehbare und vergleichbare Indikatoren.
Ein wichtiger Ausblick der Veranstaltung betraf die KPIs und Indikatoren für nachhaltige Sanierung und Gebäudebegrünung. Werner Weingraber von Madaster betonte, dass Banken, Versicherungen und Immobilienwirtschaft künftig verstärkt transparente Daten zu Energieeffizienz, Lebenszykluskosten, CO₂-Wirkung, Klimarisiken, Kreislauffähigkeit und Bestandserhalt benötigen werden. Neben Energieverbrauch und eingesparten Emissionen gewinnen auch der Recyclinganteil eingesetzter Materialien, die Vermeidung von Abbruch, die Beschattungs- und Kühlwirkung, der Umgang mit Starkregen sowie Kennzahlen zur Wartung und langfristigen Funktionsfähigkeit von Begrünungen an Bedeutung.
In den kommenden Jahren dürften sich wenige zentrale, normenbasierte Kennzahlen etablieren. Der Verband deutscher Pfandbriefbanken hat bereits neun zentrale KPIs identifiziert, während im Bereich Kreislaufwirtschaft fünf Schlüsselindikatoren – darunter Recyclinganteil und Bestandserhalt – im Fokus stehen. Auch Benchmarks wie jene von GRESB könnten bei Refinanzierungen und der Bewertung von Bestandsportfolios an Gewicht gewinnen. Entscheidend ist, dass die Daten verständlich, vergleichbar und überprüfbar bleiben. Nachhaltigkeitskennzahlen entwickeln sich damit zunehmend von einer freiwilligen Zusatzinformation zu einer wichtigen Grundlage für Finanzierung und Risikobewertung.
Förderungen als entscheidender Hebel
Für die Umsetzung vergleichbarer Projekte gibt es auch positive Signale: Die Stadt Wien bereitet neue Fördermöglichkeiten für Gebäudebegrünung und Entsiegelung ab 2027 vor. Damit könnten Fassaden-, Dach- und Innenhofbegrünungen künftig wieder gezielt unterstützt werden. Zugleich wurde in der Diskussion deutlich, dass Förderungen allein nicht ausreichen: Weil viele Zuschüsse vorzufinanzieren sind und erst nach Umsetzung sowie Prüfung ausbezahlt werden, bleiben ergänzende Finanzierungsmodelle und verlässliche Rahmenbedingungen für Eigentümergemeinschaften entscheidend. Wer ein Projekt plant, sollte die technische und organisatorische Vorbereitung daher bereits jetzt beginnen und die konkreten Förderbedingungen rechtzeitig prüfen.
Was wir mitnehmen
Die Veranstaltung hat gezeigt, dass klimaresiliente Sanierung nur dann ihre volle Wirkung entfaltet, wenn sie integriert geplant wird. Begrünung, Verschattung, Photovoltaik, Energieeffizienz, Freiraumqualität und Wassermanagement sollten nicht als einzelne Maßnahmen betrachtet werden, sondern als Teile eines zusammenhängenden Systems.
Deutlich wurde auch: Die größten Herausforderungen liegen heute oft nicht mehr in der Technik. Sie liegen in der Finanzierung, in Genehmigungsverfahren, in der Kommunikation innerhalb von Eigentümergemeinschaften und in der langfristigen Organisation von Betrieb und Pflege. Fassadenbegrünung muss daher von Anfang an gemeinsam mit Brandschutz, Bewässerung, Wartung, Zugänglichkeit und Versicherung geplant werden. Eine gute Pflege und eine gesicherte Wasserversorgung sind nicht nur Voraussetzung für eine dauerhaft funktionierende Begrünung, sondern auch entscheidend für die Minimierung von Risiken.
Förderungen bleiben dabei ein wichtiger Baustein, reichen aber allein nicht aus. Da sie oft vorfinanziert werden müssen und die Auszahlung erst nach Umsetzung und Prüfung erfolgt, braucht es zusätzlich private, gemeinschaftliche und innovative Finanzierungsmodelle. Musterprojekte wie „Meidlinger L“ sind dafür unverzichtbar: Sie machen sichtbar, wo Hürden liegen, welche Lösungen in der Praxis funktionieren und was für eine breitere Anwendung noch verbessert werden muss.
Vom Einzelprojekt zur „Fast Lane“
In der Podiumsdiskussion wurde klar, dass klimaresiliente Gebäudesanierung nur gemeinsam gelingen kann. Eigentümer:innen, Mieter:innen, Hausverwaltungen, Planungs- und Fachunternehmen, Finanzierungspartner, Versicherungen, Förderstellen und die öffentliche Verwaltung tragen jeweils einen Teil der Verantwortung. Besonders an der Schnittstelle zwischen privatem Gebäude und öffentlichem Raum braucht es klare Zuständigkeiten – etwa bei Balkonkonstruktionen, Begrünungselementen, Haftungsfragen, Pflegezugängen und der Gestaltung des Straßenraums.
Ein zentrales Thema war der Spannungsbogen zwischen leistbarem Wohnen, Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit. Gerade bei unterschiedlichen Eigentümerstrukturen darf die notwendige Transformation des Gebäudebestands nicht zu sozialer Überforderung führen. Faire Verteilungsschlüssel, lange Kreditlaufzeiten, transparente Entscheidungsprozesse und gegebenenfalls neue Absicherungsinstrumente für soziale Risiken wurden daher als wesentliche Bausteine genannt.
Zugleich wurde die Bedeutung standardisierter Daten und verlässlicher Nachweise hervorgehoben. Wenn Klimaanpassung, Energieeinsparungen, Werterhalt und Schadensprävention nachvollziehbar dokumentiert werden, können sie stärker in Finanzierungs- und Versicherungsentscheidungen einfließen. Begrünung und Sanierung sind dann nicht nur ökologische Maßnahmen, sondern auch ein Beitrag zur langfristigen Sicherung von Wohnqualität, Klimavorsorge und Immobilienwerten.
Wir bedanken uns herzlich bei Brigitta Schwarzer von INARA für die spannende Moderation, bei allen Vortragenden, Podiumsgästen und Teilnehmenden für ihre fachlichen Beiträge, die offenen Gespräche und den konstruktiven Austausch. Unser besonderer Dank gilt den engagierten Eigentümer:innen, Projektpartner:innen, Planer:innen, Verwaltungsexpert:innen sowie den Vertreter:innen aus Finanzierung, Versicherung und öffentlicher Hand, die ihre Erfahrungen und Perspektiven eingebracht haben.
Die Veranstaltung hat gezeigt: Der Weg zu einem klimaresilienten, begrünten und energieeffizienten Gebäudebestand ist anspruchsvoll, aber machbar. Wenn wir praxistaugliche Modelle weiterentwickeln, Wissen teilen und gemeinsam Verantwortung übernehmen, können Lösungen entstehen, die ökologisch wirksam, wirtschaftlich tragfähig und sozial gerecht sind.
Die Präsentationen von Alice Benussi und Susanne Formanek (RENOWAVE.AT) sowie Werner Weingraber (Madaster) sind hier erhältlich.